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© 2003 Iwona Baumann
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Bebauung Schulstrasse
Stellungnahme zur Neubebauung
ehem. Eichendorffschule
Am 04.12.2006 wurde der Architektenwettbewerb über die Bebauung des nord-westlich der denkmalwerten Eichendorffschule gelegenen Quartiers entschieden.

Bevor es zu diesem Wettbewerb kam, gingen zahlreiche Überlegungen zur Nutzung der in günstiger städtebaulicher Position brach liegenden Fläche voraus. Es muss nicht noch einmal erläutert werden, welche komplizierten Randbedingungen eine wirtschaftlich rentable Bebauung erschwerten und Investorenvorschläge mit extremer Baudichte hervorriefen.

Die Zukunftswerkstatt Kreuzviertel sah es als ihre Aufgabe, die Bewohner des Stadtteils um Ihre Meinung zur Zukunft der Brachfläche zu bitten. Überwiegend war man dafür, an dieser Stelle einen kleinen Stadtpark entstehen zu lassen und dem ohnehin sehr eng bebauten Kreuzviertel keine weitere Verdichtung zuzumuten. Die Zukunftswerkstatt Kreuzviertel hält diese Bewohnermeinung grundsätzlich für richtig. Wir würden uns jedoch zusätzlich zur Grünfläche eine lärmabschirmende Bebauung an der Grevener Straße wünschen.

Wir sind uns jedoch darüber im Klaren, dass eine solche Lösung als Idealvorstellung kaum Aussicht auf Verwirklichung hat, weil ihr aus wirtschaftlichen Gründen wohl nicht entsprochen werden kann. Eine weitergehende Bebauung muss deshalb wohl hingenommen werden - schade um die ungenutzte Chance für unser Viertel.

Um so wichtiger erscheint es uns, die anscheinend unvermeidbare relativ dichte Neubebauung so zu planen, dass die Störung in der gewachsenen Baustruktur so gering wie möglich gehalten wird.

Aus diesem Grunde waren wir damals froh zu erfahren, dass Baulösungen durch einen Wettbewerb mit städtischen Vorgaben gesucht werden und nicht mehr überwiegend wirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund stehen sollten.

Umso mehr ist die Zukunftswerkstatt Kreuzviertel vom Ergebnis der Auslobung enttäuscht, weil keiner der prämierten Entwürfe unsere in den Wettbewerb gesetzten Hoffnungen erfüllt.

Hatten wir doch gehofft, dass ein von der Stadt und dem Land NRW ausgerichteter Wettbewerb, der gewinnorientierte Investoreninteressen nicht in den Vordergrund stellt, Entwurfslösungen hervorbringt, die sich harmonisch in das Kreuzviertel einfügen.

Dabei dachten wir sowohl an für das Kreuzviertel charakteristische Baumassenanordnung, Baukörperformen und Gestaltung der baulichen Einzelheiten, als auch an eine passende Sozialstruktur. Auch das Baudenkmal ehemalige Eichendorffschule liegt uns als den Stadtteil prägendes Einzelgebäude ebenso am Herzen wie Erhaltung bzw. Schaffung von Räumen für die Zukunftswerkstatt und Ateliergemeinschaft. Die in der Ausschreibung des Wettbewerbs enthaltenen Vorgaben ließen unsere Hoffnungen auch berechtigt erscheinen. Waren doch städtebauliches und gestalterisches Einfügen, vorgegebene Nutzungsmischung sowie die Interessen von Ateliergemeinschaft und Zukunftswerkstatt berücksichtigt. Auch vom Hauptinvestor, der Wohn- und Stadtbau, hofften wir, verträgliche Lösungen erwarten zu können.

Nach unserer Meinung enthalten demgegenüber die prämierten Bebauungsvorschläge in städtebaulicher und gestalterischer Hinsicht für das Kreuzviertel fremdkörperhafte Eigenschaften, deren Umsetzung u.E. einen Qualitätsverlust für unseren Stadtteil bedeuten würde.

Wir sind überzeugt, dass sich ein auf Einfügung bedachter Entwurf u.a. an folgenden für das Viertel charakteristischen Eigenarten orientieren muss:

  • Baumassenanordnung
    Es überwiegt die Blockrandbebauung mit begrünten Innenzonen, von der es allerdings Ausnahmen in Bereichen gibt, in denen die bauliche Enge keinen Raum für rückwärtige Grünzonen lässt. ( Bsp. Uppenbergstraße ). Hier gibt es - sicher wegen der Enge - bewusst unbebaute Zwischenräume in der Straßenfront, auch freistehende Einzelhäuser sind in der Nachbarschaft keine Seltenheit. Gerade dieser Mix ist charakteristisch für die historische Bebauung im Kreuzviertel. Mit Ausnahme der Uppenbergstraße sind die Baufluchten so weit vom Straßenraum zurück versetzt, dass Raum für Vorgärten verbleibt - auch dies eine im gesamten Kreuzviertel typische Gestalteigenart.
  • Parzellenstruktur
    Die aneinandergereihten Grundstücke sind auch bei geschlossener Bebauung in den Hausfassaden einzeln ablesbar und jeweils individuell gestaltet.
  • Geschossigkeit
    Bestimmend ist die Drei-, seltener die Zweigeschossigkeit, meist mit ausgebautem Dachgeschoss.
  • Dachformen
    Charakteristisch sind Satteldächer mit Neigungen von 45° bis 50° und Mansarddächer. Andere Formen und Neigungen sind Ausnahmen bei untergeordneten Gebäudeteilen.
  • Baukörperformen
    Die Häuser sind i.d.R. traufständig, dabei aber vielfach durch Querhausgiebel und erkerartige Vorsprünge gegliedert.
  • Fassadenmaterial
    Typisch sind überwiegend verputzte Fassaden bei den Wohngebäuden. Sonderbauten wie die Eichendorffschule sind ausnahmsweise ziegelsteinsichtig. Weitere Abweichungen dieser Art haben Nachkriegsbauten, die aber nicht charakteristisch sind und deshalb nicht maßgebend sein können. ( s. Schulstr.)
  • Öffnungen
    In den für das Quartier maßgebenden Fassaden gibt es nur hochrechteckige Formate als Einzelöffnungen.
Wir haben bei den prämierten Entwürfen nach Orientierung an diesen charakteristischen Gestalteigenarten gesucht und nur wenig davon entdecken können.

Wir sind der Meinung, dass eine Übernahme der genannten Merkmale einer unserer Zeit gemäßen Architektur nicht entgegensteht. Auch bei Bauten, die sich deutlich als zeitgemäß erkennen lassen, sind diese Kriterien qualitätvoll anwendbar. Wir sind überzeugt, dass sich eine Bebauung, die respektvoll die im historisch geprägten Umfeld vorgegebenen Hauptmerkmale übernimmt und auf moderne Weise interpretiert, sogar als besonders gelungene Architektur anerkannt werden würde. Dem gegenüber scheint uns das Ziel der prämierten Entwürfe eher darin zu bestehen, bestandsunabhängige spektakuläre Architektur mit starker Eigenwirkung zu schaffen, als sich bescheiden in die vorgefundene Situation einzufügen.

Weshalb wir zu dieser Auffassung kommen, möchten wir beispielhaft anhand der ersten beiden Preisträger erläutern:

  • Erster Preis

    Die z.T. vorgegebene Blockrandbebauung ist aufgegriffen und erscheint uns auch entlang der Altum- und Schulstraße richtig - ebenso an der internen Gasse hinter dem geplanten Bauriegel zur Grevener Straße. Die geschlossene Zeile an der Uppenbergstraße lässt jedoch eine zu enge Straßenschlucht entstehen. Nicht zufällig ist die gegenüberliegende bestehende Bebauung aufgelockert, um die bauliche Enge abzumildern. Wir meinen, hier dürfte auch die Neubebauung keine geschlossene Front bilden.

    Eine ansonsten im Viertel vorgegebene Parzellenstruktur mit individuellen Abschnitten ist nicht ablesbar. Es sind zwar Abschnitte gebildet, jedoch als aneinandergereihte identisch gestaltete Wiederholungen. Auf diese Weise entsteht jeweils der Eindruck von im Umfeld unpassenden Großblöcken.

    Zur Schul- und Altumstraße erscheint uns die Dreigeschossigkeit vertretbar. Allerdings liegt der Knickpunkt zur Dachschrägen so hoch, dass der Eindruck einer Viergeschossigkeit entstehen muss. Die Traufe müsste u. E. tiefer ansetzen. An der Uppenbergstraße halten wir wegen der Enge und in Anlehnung an die gegenüber liegende Bebauung eine Abstufung auf zwei Geschosse für erforderlich.

    Die vorgeschlagenen Dachformen sind absolut quartiersuntypisch. Daran ändert auch die Andeutung einer Dachschrägen zur Straßenseite nichts. Absolut fremdkörperhaft wirken die übergroßen sich rhythmisch wiederholenden Dacheinschnitte. Vom Aufgreifen vorhandener Dachformen kann nicht die Rede sein.

    Die Hausfronten sind fluchtgleich ohne plastische Gliederung. Auch andere Gliederungselemente wie z.B. Querhausgiebel sind nicht vorgesehen.

    Die Ansichtsdarstellung legt nahe, dass es sich um einen ziegelsteinsichtigen Bau handeln soll. Auch wenn die Eichendorffschule als Sonderbau selbst ziegelsichtig ist, ist diese Materialwahl für Wohnbauten im Kreuzviertel unüblich.

    Die Fassadenöffnungen lehnen sich nicht im Geringsten an die bestehenden Formate an. Sie füllen die Zwischenräume, die die in Art der Kolossalgliederung über drei Geschosse reichenden Mauerpfeiler belassen und sind wie zufällig mal breiter mal schmaler gegliedert. Dieses Gestaltprinzip muss im Viertel äußerst fremdkörperhaft wirken!
  • Zweiter Preis

    Auch hier ist das Motiv Blockrandbebauung aufgegriffen. Angenehm ist das weitere Zurückweichen der Fronten an der Altum- und Uppenbergstraße, wodurch mehr Raum für Straßengrün verbleibt.

    Auf eine Abschnittbildung als Erinnerung an die vierteltypische Parzellenstruktur wird nicht eingegangen. Anders als wir hält der Verfasser die Betonung der Großform für angebracht.

    Mit teils vier, teils drei Geschossen halten wir die Anlage insgesamt für um ein Geschoss zu hoch.

    Die Dachformen haben mit unserem Viertel nicht das Mindeste zu tun. Gewählt wurden Flachdächer, teils mit geringer Anschrägung. Auf uns wirkt dies so, als sollte geradezu betont werden, dass man sich an den überlieferten Formen nicht orientieren wollte.

    Auch die Baukörperformen sind an dieser Stelle fremdkörperhaft. Ziel scheint uns zu sein, eine Großplastik zu schaffen, die mit ihren stufenförmigen Rücksprüngen an Felsformationen erinnert. Es mag für eine solche Formvorstellung geeignete Umfelder geben - nicht jedoch das Kreuzviertel!

    Als Material ist Backstein, ( der nach unserer Auffassung abweichend von der des Preisgerichtes nicht "ortstypisch" ist ), gewählt, der an den zurückliegenden Bauteilen mit einer anderen Verkleidung (Blech?) kombiniert wird. Wir wiederholen, dass wir die Materialwahl als fremdkörperhaft ansehen.

    Die Auswahl der Öffnungen von schmal-, breiter-hochrechteckig, annähernd quadratisch bis bandförmig, teils vertikal verspringend

    erzeugt eine derart unruhige Wirkung, dass beim Betrachter Unbehagen entstehen muss. Unser Viertel ist durch wesentlich ruhigere Anordnung der Fassadenöffnungen geprägt.
Bei der hier kritisch kommentierten Betrachtung des Wettbewerbsergebnisses haben wir uns auf unsere Ansicht über die stadtgestalterischen Aspekte konzentriert. Selbstverständlich haben wir nicht übersehen, dass auch positive Elemente enthalten sind. So finden wir die geplante Nutzungsmischung für das Viertel günstig. Auch die in den Entwürfen geplante Lärmabschirmung zur Grevener Straße sowie die Bildung ruhiger begrünter Blockinnenbereiche halten wir für vorteilhaft. Die Berücksichtigung des Raumbedarfs von Zukunftswerkstatt und Ateliergemeinschaft muss noch im Einzelnen abgestimmt werden.

Es ist uns jedoch wichtig, auf die nach unserer Meinung relativ geringe formale Einfügungsqualität der Vorschläge aufmerksam zu machen.

Wir fürchten einen Qualitäts- und damit Attraktivitätsverlust für das Kreuzviertel, wenn Neubauten entstehen, die so wenig mit den charakteristischen Gestalteigenarten des Quartiers zu tun haben.

Wir hoffen, dass unsere Einwände bei der Überarbeitung der Planungen berücksichtigt werden.

Herbert Stallkamp Bernd Breitschuh Johannes Holtmann